Das neue Jahr hat begonnen und die Chorsänger Gabriel Bernhard, Max Teschner und Albert Teves haben für die neuen Produktionen „Awakening“ und „Dear Evan Hansen“ die intensive Probenarbeit aufgenommen. In Bonn hat es Tradition, dass Kinder und Jugendliche in der Oper an der Seite der erwachsenen Profis singen und schauspielern. Schon lange unter Leitung von Ekaterina Klewitz wirbeln seit mehr als 30 Spielzeiten Mitglieder des erfolgsverwöhnten Kinder- und Jugendchor des Theater Bonn in Opern, Musicals und Konzerten über die Bühne. Dabei wurden aber schon lange vor der Chorgründung talentierte Bonner Kinder stimmlich ausgebildet, um in großen Opernproduktionen mitzuwirken.
Als die Oper ins Kino zog
Der 91-jährige Bonner Walter Kessel erinnert sich gerne: „Ich habe als Junge nach dem Krieg, etwa ab 1947, auch als Chorkind in der Oper mitgesungen. Damals gab es das Opernhaus noch nicht, aber Opern wurden im Metropol-Theater aufgeführt. Das Metropol war ein wunderschönes Kino am Marktplatz mit Orchestergraben und einer Orgel aus der Stummfilmzeit. Ich habe in den Opern „Carmen“ und „La Bohème“ mitgemacht und wir haben „Fidelio“ einstudiert. „Carmen“ wurde mehr als fünfzig Mal aufgeführt, „La Bohème“ sogar in Aachen. Morgens fuhren wir im Bus hin und abends wieder zurück. Wir Kinder fühlten uns damals wie richtige Stars!“

Foto: Walter Kessel (Quelle: Familie Kessel)
Auch der heutige Kinder- und Jugendchor hat erst vor ein paar Jahren in den Opern „Carmen“ und „La Bohème“ mitgewirkt. „Ja, damals gab es natürlich noch keinen institutionalisierten Kinderchor in der Oper,“ wendet Kessel ein, „aber trotzdem wurden Kinder für die Produktionen ebenfalls sorgfältig ausgewählt. Der damalige Bonner Generalmusikdirektor, Gustav Classens, kannte die Musiklehrer in den Gymnasien und dort wurde zunächst grob ausgewählt. Ich selbst war damals Schüler am Ernst-Moritz-Arndt Gymnasium.“ Kessel erklärt, dass damals jedes Kind erst einmal allein vorsingen musste: „Ich erinnere mich sehr gut, dass nicht alle Schüler Noten lesen konnten. Aber ich schon! Es wurde eine Folge von Tönen angeschlagen und die musste ich nachsingen und kam dann sofort als Sopran in die engere Auswahl. Gemeinsam mit den ausgewählten Jungs anderer Schulen wurden wir von unserem Musiklehrer vorgeschlagen. Damals durften aber nur Jungs mitsingen.“
Früh übt sich, wer ein Sänger werden will
Genau 80 Jahre sind vergangen, seitdem er für „Carmen“ vorsang und genau 80 Lebensjahre liegen zwischen dem ehemaligen Opernchorkind Walter und dem heutigen Opernchorkind Gabriel. Beide erzählen mit der gleichen, glühenden Begeisterung. Gabriel hat mit 11 Jahren schon einige Auftritte hinter sich. Er sang in einigen Konzerten und hat in der Sitzkissenoper „Aschenputtel“ mitgespielt. Auch Gabriel besucht das Ernst-Moritz-Arndt Gymnasium.
In Gabriels Stimme schwingt Freude mit, als er berichtet, wie er Opernchorkind wurde: „Damals war ich in der ersten Klasse. Ich war sehr aufgeregt und habe das Lied „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ geprobt, das ich vorsingen wollte. Dann bin ich zur Oper gegangen, hab’s vorgesungen, war richtig nervös. Ich wurde angenommen und konnte direkt zur Probe gehen! Das war ein sehr schöner Moment in meinem Leben.“ Demnächst singt Gabriel in der Uraufführung von Param Virs Oper „Awakening“ mit. „Ich finde es in der Oper sehr schön, denn es gibt Musik und Bewegung. Ich finde die Mischung gut. Ich war zwar schon mal auf der großen Bühne, freue mich aber auf die neue Oper und ich bin auch superaufgeregt.“

Singen macht glücklich und verbindet die Generationen
Jugendchorsänger Max ist schon seit zehn Jahren im Chor und hat viel Bühnenerfahrung, auch als Solist. Seit er den griechischen Gott „Ares“ im Musical „Götterolympiade“ hervorragend verkörperte, sang er solistisch und im Ensemble u.a. in „Brundibar“, „Staatstheater“, als „Knabe“ in der Zauberflöte. Max hat außerdem in einer WDR-Produktion mitgewirkt und wird demnächst wieder im Jungen Theater Bonn, in einer Co-Produktion mit dem Theater Bonn, JTB zu bewundern sein. An die Aufregung der ersten Auftritte erinnert auch er sich genau: „Ich kann mich sehr gut an meinen ersten Auftritt erinnern. Ich war erst neun Jahre alt und spielte den „Gherardino“ in „Gianni Schicchi“. Ich war total nervös, weil ich schon vor dem Einlass auf der Bühne sein musste. Ich musste mich mit verschiedenen Requisiten beschäftigen und auf Stühlen herumspringen und gleichzeitig auf das Einsatzzeichen des Regisseurs achten. Ich hatte schon etwas Angst davor, meinen Einsatz zu verpassen oder zu stolpern. Nach dem Auftritt war alle Anspannung weg, alle haben mich gelobt und ich habe mich so gut gefühlt wie noch nie, war schon etwas stolz, aber vor allem erleichtert.“

Foto: Max Teschner (Quelle: Theater Bonn)
Walter Kessel erinnert sich an die Requisiten und Kostüme aus seiner Zeit: „Wir trugen kurze Samthosen, Hemden und hatten Schwerter, die unsere Väter aus Holz für uns gebastelt hatten. Alles wurde improvisiert und das war ganz normal. Die Programmhefte waren so groß wie ein Handteller und aus schlechtem, grobem Holzpapier.“ Welche Erfahrung teilt der frühere Sängerknabe mit den heutigen Kinderchorsängern in der Oper? „Wir waren so stolz, wenn die Opernsolisten uns lobten oder der Intendant uns erwähnte. Das war wie eine Adelung!“
Opernhelden und Opernträume
An einen Solisten denkt Kessel ganz besonders gerne zurück. „Mein Lieblingssänger war damals der Tenor Albert Teves. Der hatte eine tolle Stimme und eine Ausstrahlung, als käme er direkt aus Hollywood. Ein Typ wie ein Westernheld. Wenn wir Kinder in „Carmen“ unseren Auftritt im 1. Akt beendeten, haben wir immer den erwachsenen Solisten zugeschaut. Ich habe die Atmosphäre zwischen den Kulissen geliebt. Wir Kinder haben natürlich alle davon geträumt, selber beruflich in der Oper zu bleiben.“
Sucht man im Internet nach „Albert Teves, Bonn, Oper“, findet man über den “Albert von Damals” nichts mehr. Stattdessen stößt man aber sofort auf den Jugendchorsänger, Albert Teves, der in jüngster Zeit als „Hännschen“ in „Spring Awakening“ auf sich aufmerksam gemacht hat. Albert singt seit seinem sechsten Lebensjahr und seit einigen Jahren im Opernchor. Er ist in zwei Musicals aufgetreten, war im Dezember Jugendchorsolist im traditionellen „Kreuzkirchenkonzert“ und probt derzeit für „Dear Evan Hansen“. „Ich wusste nichts von Albert Teves, aber ich hatte im Hinterkopf, dass meine Oma sagte, „Da ist jetzt wieder ein Albert Teves im Theater.“ Albert lacht, „Wir haben in den Familienfotos geschaut und im Stammbaum und haben auch einen Zeitungsartikel über den anderen Albert Teves gefunden.“

Auch der junge Albert kann sich mittlerweile vorstellen, seinen beruflichen Weg, wie der historische Albert Teves aus den Erinnerungen Kessels, auf den Bühnenbrettern zu gehen. „Ein konkretes Vorbild habe ich nicht, aber eine gute Performance ist inspirierend. Es wäre krass, mal im englischsprachigen Raum zu singen und ich hätte auch Lust auf Film seitdem ich in einem Kurzfilm mitgewirkt habe.“
„Bekanntlich fällt der Apfel nicht weit vom Stamm …“
Wie ein roter Faden zieht sich der Spaß, der Stolz und der Zusammenhalt durch die vier Erzählungen. „Es ist ein Privileg, so viel Zeit in den Gesang investieren und so viel lernen zu dürfen. Es liegt aber auch viel an Katja (Anmerkung: Ekaterina Klewitz), denn sie steckt sehr viel von sich selbst in die Arbeit.“, erklärt Albert und Max fügt hinzu: „Die Zeit als Opernchorkind bedeutet mir immens viel. Nicht nur wegen der Erfahrungen. Der Chor ist viel mehr als singen und proben. Das wichtigste sind die Freunde, die ich gefunden habe. Es gibt deswegen selten Tage, an denen ich mich nicht freue, zum Chor zu gehen und mit den Anderen zu singen.“
Walter Kessel blickt nochmal zurück: „Bonn hatte damals schon ein sehr gutes Städtisches Orchester. Die Musiker kamen mit der Fähre, denn es gab keine Brücken und weil man auch kein Auto hatte, trafen sich nach der Vorstellung alle oft im „Weinhaus Jacobs“. Wir Kinder mussten am nächsten Tag zur Probe und dafür wurden wir vom Schulunterricht befreit. Ohne Bescheinigung und ohne jegliche Bürokratie. Wir haben es unglaublich genossen!“. Opernsänger ist Walter Kessel dann doch nicht geworden, aber die Liebe zur klassischen Musik wurde, wie in der Teves-Familie, zur nächsten Generation weitergereicht. Seine Tochter ist die Bonner Konzertpianistin Susanne Kessel.
Gemeinschaft als Erfolgsrezept
Chorleiterin Ekaterina Klewitz bestätigt die Bedeutung des Zusammenhalts im Chor. „Es ist natürlich wichtig, wenn die Chormitglieder sich gegenseitig unterstützen, sich untereinander darin bestärken, eine Chorpartie gut zu singen und, ja, wenn sie auch mitfiebern, wenn dann einer von ihnen ein Solo singt. Es macht viel aus, einem unter ihnen eine Solopartie zu gönnen und einfach glücklich zu sein, wenn man gemeinsam als Chor dann eine starke stimmliche Leistung und szenische Präsenz zeigt. Man muss verstehen: der Chor ist eine Gemeinschaft, ist eine Familie und hier gilt es miteinander zu singen und füreinander da zu sein!“

Foto: Kinder- und Jugendchor des Theater Bonn, 2022 (Quelle: A. Ironside)
Der spannende Rückblick reizt Klewitz natürlich zum vorsichtigen, aber spannenden Blick in die Zukunft. „Ich finde, man sollte immer im „Jetzt“ leben, aber ich wünsche mir, dass der Chor in irgendeiner Form auch in achtzig Jahren noch da sein wird. Was dann gesungen wird und ob die Oper als Kunstform noch lebt, darüber können wir nun rätseln.“
Text: Alexandra Ironside
Titelfoto: Volker Essler