Großer Auftritt, große Aufgabe: Bei Jesus Christ Superstar singt der Jugendchor alle Chorpartien der mitreißenden Rockoper

Probenbesuchh am 18. Juni 2026


Direkt hinter der sogenannten „Pforte“ (dem Bühneneingang der Bonner Oper) geht rechts eine Treppe hoch zur Probebühne 1. Hier trifft sich heute der Jugendchor zur Probe.

Draußen sind es heiße 35 Grad, drinnen … nun, das lässt sich nicht exakt feststellen. Beobachten lässt sich aber das Bemühen der Kinder und Jugendlichen um Abkühlung: Alles was sich zum Wedeln eignet, wird eingesetzt, vorzugsweise Notenblätter – zumindest so lange, bis das Einsingen beendet ist. „Sisisisi, Nonono, Yes“ hallt es durch den Raum.

„Der Klavierauszug als „Trophäe“ und „eine Chance, die wohl nie wieder kommt“

Einige Sänger:innen fehlen. Das sind die, die gerade bei Otello ihren Einsatz haben. Das Operndrama von Giuseppe Verdi um Otello und Desdemona wird zeitgleich auf der großen Bühne aufgeführt. Von der Bühne zurück zur Probe und dort wieder voll konzentriert, das braucht schon eine professionelle Haltung der Jugendlichen, die ja im „Hauptberuf“ mehrheitlich Schüler:innen sind.

Manche der jungen Erwachsenen haben etwas dabei, was einer „Trophäe“ gleichkommt. Es ist der Klavierauszug zum Musical „Jesus Christ Superstar“. Für manche ein absolutes Highlight ihrer Chorkarriere. Der Jugendchor ist bei dieser Inszenierung das einzige Chorensemble auf der Bühne und hat eine Menge zu tun. Er repräsentiert abwechselnd die jubelnde Menge, die Jünger oder die feindselige Volksmenge, die Jesus schließlich kreuzigen will. Noch steht (offiziell) nicht endgültig fest, wer die berühmte Rockoper mitsingen darf, doch die, die den Klavierauszug in den Händen halten, wissen: Sie sind dabei. Ein Mädchen strahlt: „Das ist eine Chance, die wohl nie wieder kommt“.

Kurz zum Hintergrund: Das Musical Jesus Christ Superstar, als große Rockoper weltbekannt, uraufgeführt am 12. Oktober 1971 im Mark Hellinger Theater in New York City, gilt als absoluter Klassiker der Musical-Literatur. Die Musik wurde von dem – damals noch unbekannten – Andrew Lloyd Webber geschrieben. Danach wurde er weltberühmt. Tim Rice verfasste die Liedtexte. Er erzählt die letzten Tage im Leben Jesu Christi mit dem Einzug in Jerusa­lem, dem letzten Abendmahl, seiner Verhaf­tung am Berg Gethsemane, der Verurteilung durch Pilatus und seiner Kreuzigung. In Bonn wird die deutsche Fassung von Timothy Roller gesungen.

Manche Songs haben sich als absolute Kult-Hits etabliert, zum Beispiel das berührende Liebeslied der Maria Magdalena („I Don’t Know How to Love Him”). Wer die Songs kennt, wird der Premiere entgegenfiebern. Sie findet in Bonn am 31. Oktober 2026 statt, also fast genau 55 Jahre nach der Uraufführung. Wer Karten möchte sollte schnell sein. Bereits jetzt ist ein Großteil vergriffen.

Und nun beginnt die Arbeit: „Wir beginnen mit der Ouvertüre. Ich weiß, es ist heiß heute, das tut mir leid“, zeigt „Chefin“ Ekaterina Klewitz am Klavier Verständnis. Dann folgt ein Lob: „Es ist heldenhaft, dass heute ihr trotz Hitze zur Probe gekommen seid“. Und dann erklingen die ersten vertrauten Takte der berühmten Ouvertüre.

„Erst seid ihr fröhlich, dann fanatisch“

Intensiv geübt wird heute die Tempel-Szene. Hier spielt und singt der Jugendchor zunächst eine Menge von Händler:innen, die ihre Ware anpreisen („Komm zu mir, denn der Preis ist heiß, beste Ware, wie jeder weiß. Gönne dir einen feinen Wein …). Als Jesus erscheint, wütend, dass Kaufleute seinen Tempel entweihen, schlüpft der Chor in die Gruppe der Hilfsbedürftigen, die Jesus um Heilung anflehen („Sieh mich an, ich kann kaum noch sehn. Sieh mich an, ich kann kaum noch gehn. Ich glaub fest, dass du mich heilst…“).

„Bitte chorisch atmen, nicht alle zwei Takte zusammen atmen“, mahnt die Dirigentin. Dann folgt ein Hinweis zur Szene und zu der gewünschten Darstellung: „Erst seid ihr fröhlich, ihr möchtet eure fabelhafte Ware verkaufen. Dann verwandelt ihr euch. Ihr seid fanatisch, jeder möchte etwas von Jesus. Okay. Jetzt bitte noch einmal im Stehen, trotz der Hitze“.

Der Song soll heute perfekt klappen, denn er wird für einen Auftritt am übernächsten Tag gebraucht. Da lädt die Oper Bonn zu „Vorhang auf! Die Spielzeitshow“ ein. Vorgestellt wird das Programm für die Spielzeit 2026/2027, der Jugendchor präsentiert mit „Der Tempel“ das Rockmusical (und erntet übrigens enormen Applaus).

„Can you hear me“ mit Gebärdensprache

Für einen anderen Anlass wird jetzt der Song „Can you hear me“ angestimmt.  Das Lied wird vom Chor durch Gebärdensprache begleitet. Es läuft gut, die Gebärden werden noch einmal kurz vorgemacht, dann sitzen sie, aber … „Bitte noch einmal, singt es nicht zu glatt. Etwas emotionaler bitte“.

Nach und nach kommen die Otello-Kinder zurück, begleitet von den Aufsichten für die jüngeren Sänger:innen. Singend suchen sie sich einen Platz und reihen sich konzentriert in das Probengeschehen ein. Ekaterina Klewitz ist zufrieden. 20 Minuten Pause!

„Könnt ihr das groß machen? Bombastisch muss es sein“

Nach der Pause folgt eine der großen mitreißenden Chornummern aus Jesus Christ Superstar: „Hosanna, hey sanna, sanna sanna ho“. Hier geht es um die ekstatische Begeisterung der Massen beim Einzug in Jerusalem. „Könnt ihr das groß machen? Wie ein Bild malen? Bombastisch muss das sein“, feuert die Chorleiterin die Jugendlichen an. Immer wieder beeindruckend, wie die jungen Talente eine enorme Stimmgewalt entfalten. Großartig!

Ein Blick zur Uhr. Noch 8 Minuten bis Probenende. Auch die letzten Minuten werden genutzt. „Was wollt ihr noch singen? Aladin?“ Kurzes Hin und her, dann ist es entschieden: „Proud of your boy“ ist der letzte Song des Abends – mit kollegialem Applaus für den jungen Solisten.  

Text und Bilder: Inge Michels